Fachkräftemangel: Kein Ende in Sicht?

  • Welche Strategien KMU gegen den Fachkräftemangel anwenden können – eine Einschätzung von WKO-Experten Gerhard Flenreiss.

Die Ausgangs- und Stimmungslage

  • Laut Zahlen der Wirtschaftskammer spüren drei von vier Unternehmen den Fachkräftemangel stark. Bei fast 60 Prozent kam es bereits zu Umsatzeinbußen oder Einschränkungen der Innovationsaktivitäten. „Der Handel, das Gewerbe, die Technik, die Pflege – der Fachkräftemangel zieht sich durch alle Bereiche. Auch wenn bei manchen Betrieben die Stimmung schon leicht in Resignation umschlägt: Unternehmer sind gewohnt, dass sie mit Optimismus nach vorne schauen“, meint Gerhard Flenreiss, Unternehmer und Obmann der gewerblichen Dienstleister in der Wirtschaftskammer Wien.

Der Schlüsselfaktor gegen den Fachkräftemangel

  • Flenreiss: „Im Kampf gegen den Fachkräftemangel gibt es eigentlich keine simple Lösung. Ein Schlüsselfaktor ist jedoch die interne Aus- und Weiterbildung. Das Problem für KMU ist aber, dass die Ausbildungsangebote oftmals zu theoretisch sind und dass der betriebliche Aufwand für die Aus- und Weiterbildung ungleich höher ist als vor 20 Jahren. Ein erfreulicher Aspekt des Fachkräftemangels ist, dass die Lehrlingszahlen trotzdem wieder steigen. Das lässt hoffen. Mein Appell an die KMU ist: Bildet Lehrlinge aus, das bringt am meisten für den Betrieb. Es gibt freilich Bereiche, wo der Fachkräftemangel auf diesem Weg nicht zu lösen sein wird. Das betrifft etwa klassische IT-Segmente oder wenn es etwa um Zukunftsthemen wie künstliche Intelligenz geht.“

Auf vorhandenes Wissen zugreifen

  • Flenreiss: „Das Herauszögern der Pension ist eine taugliche Strategie. Wir sehen seit geraumer Zeit einen signifikanten Anstieg bei der Beschäftigungsrate in der Personengruppe der über 60-Jährigen. Das ist die Auswirkung genau dieser Notmaßnahme: Betriebe ringen darum, dass Mitarbeiter nicht in Pension gehen, sondern möglichst lange im Unternehmen bleiben. Und sei es nur Teilzeit, zwei Tage die Woche. Sie sind vor allem als Wissensträger für diejenigen, die nachkommen, sehr wertvoll. Bei ihnen geht es gar nicht so sehr darum, ausschließlich produktiv tätig zu sein.“

Zielgruppe WiedereinsteigerInnen

  • Flenreiss: „Teilzeit mag bei manchen Unternehmen nicht uneingeschränkt als positiv gesehen werden. Sie ist aber eine Möglichkeit, Fachkräfte zu halten oder zu binden. Nehmen wir den Fall der Lohnverrechnung. In diesem Bereich gibt es einen recht hohen Frauenanteil, gleichzeitig ist ein hohes Spezialwissen notwendig – und es gibt aktuell zu wenige Fachkräfte. Mit Teilzeit kann man sich hier an die Gruppe der WiedereinsteigerInnen oder an jene, die nicht mehr Vollzeit arbeiten wollen, wenden.“

Firmenwagen oder Flexibilität?

  • Flenreiss: „Man merkt beim Fachkräftemangel schon, dass manche Betriebe versuchen, diesen mit Geld und entsprechenden Gehältern zu lösen. In den KMU sind diese finanziellen Ressourcen in diesem Ausmaß oft nicht vorhanden. Sie haben jedoch die Möglichkeit, nicht monetäre Incentives in die Auslage zu stellen: flachere Hierarchien, mehr Flexibilität, rasche Verantwortungsübernahme. Gerade für Individualisten ist es in einem KMU wahrscheinlich spannender als in einem Großbetrieb.“

Unternehmenswerte kommunizieren

  • Flenreiss: „Employer Branding ist für viele KMU zum Muss geworden. Sie kommen um soziale Medien wie Facebook oder Xing gar nicht mehr herum. Man würde gar nicht glauben, welche Betriebe etwa auf der Arbeitgeber-Bewertungsplattform Kununu zu finden sind. Beim Employer Branding muss ich mir auch als KMU die Frage stellen: Was macht mich für Fachkräfte, die ich wirklich brauche, attraktiv? Diese Schlüsselwerte müssen auch entsprechend kommuniziert werden. Der Teeproduzent Sonnentor etwa hat die soziale Komponente ganz stark in seine Firmenwerte verankert“

Gemeinsam statt allein

  • Mit gemeinsamen Initiativen mehrerer Betriebe kann es leichter gelingen, Aufmerksamkeit bei der Zielgruppe zu erregen. Flenreiss: „Ein klassisches Beispiel ist der Automotivcluster oder ‚Gewerbe im Bregenzerwald‘. Manche Unternehmen schließen sich auch zu Ausbildungsverbünden zusammen. So wird es möglich, dass die Lehre in mehreren Betrieben absolviert werden kann. Um den Fachkräftemangel leichter zu ertragen, schließen sich manche KMU auch zu Arbeitsgemeinschaften zusammen. So wird etwa im technischen Umfeld immer stärker mit Gemeinschaftsaufträgen gearbeitet, um sich die Ressourcen gegenseitig in einem Projekt zur Verfügung zu stellen.“

Langfristig denken

  • Flenreiss: „Der Fachkräftemangel wird in vier, fünf Jahren nicht vorbei sein. Jetzt mit Maßnahmen wie interner Ausbildung gegenzusteuern, die vielleicht eine Laufzeit von zwei oder drei Jahren haben, ist sicher keine schlechte Investition – auch wenn sie kurzfristig den Schmerz nicht lindern. KMU müssen proaktiv agieren, anstatt nur reaktiv zu schauen, was am Markt verfügbar ist.“